2025-11-262025-11-26https://open.ifz-muenchen.de/handle/repository/9322Das Briefverzeichnis liegt analog und digital vor; die Briefe und Transkriptionen liegen nur digital vor. Auszug: Olga an Karl Löwenstein, Droyßig, 31. Dezember 1925 [...] Du glaubst doch immer daß die Leute anständiger u zuverlässiger sind als es nachher der Fall ist, vertraust ihnen u bist nachher enttäuscht. So Steding, Wolf , Mannesmann u Direktor Lessel. Was hast Du nicht von Steding erwartet, wie schildertest Du ihn als Du ihn zuerst gesehen u wie hat er sich | nachher ausgewachsen. Von Mannesmann sagtest od schriebst Du mir als ich nach Tegel ging: Der wird Dich auf Händen tragen; und Lessel: Ich glaube er würde Dich glatt im Stich lassen wenn er glaubt daß sein Interesse das erfordert. So meine ich Deinen Optimismus. Du denkst selbst viel zu vornehm um bei anderen kleinliche, egoistische Motive anzunehmen. Und kannst Dich bei anderen für eine Sache deswegen so kräftig einsetzen weil Du zunächst nur die ideale Seite siehst. [...] Olga an Karl Löwenstein, Burg Schwalenberg, 19. März 1921 [...] Mama hat eine neue Idee. Jetzt wo die Feinde den Versailler Vertrag selbst gebrochen, sollten wir dem nicht nur passiven Widerstand gegenüberstellen, wie die Deutsche Zeitung immer rät, sondern die Regierung solle alle Abrüstungen abbrechen u zu jeden nur möglichen Selbstschutz auffordern u selbst ihn organisieren, neue Rüstungen soweit angänglich in die Wege leiten u so durch Schreck die Feinde endlich zum Einlenken zwingen. Ich bezweifele nur sehr daß unsere Regierung zu so einem Schritt fähig ist. [...] Darin auch: Digitalisate von Briefen 1907-1928; Transkriptionen von ausgewählten Briefpassagen 1913-1925: "Olga an Onkel Karl Löwenstein - Regesten" 14. Juli 1913 (PDF S. 343) Was wir Florenz verdanken, ist die Bekanntschaft mit Tante Mary Jenison die wir bisher nur dem Namen nach gekannt u an die wir uns jetzt sehr angeschlossen haben. 3. April 1912 (PDF S. 63 f.) Möchte Dein neues Lebensjahr Dir endlich die Erfüllung Deiner Hoffnungen bringen, die Du an Deine Erfindung geknüpft. Daß Du in Deutschland von Fabriken u Arbeitern so schlecht bedient wirst tut mir leid für Dich. Hoffentlich hast Du jetzt einen brauchbaren Schweißer. Hier in Italien könnte man Deinen Ofen in den Lokomotiven gut brauchen, sie haben eine so miserable schwefelige Kohle wenn man die nicht mehr riechen brauchte wäre es schon sehr angenehm. Durch Deinen Ofen wirst Du jetzt in Preusch[?] Berlin so lange festgehalten, das Du doch gar nicht liebst. Hoffentlich hältst Du die Hotelküche auf die Dauer aus u hast keine Gicht. 2. Februar 1913 (PDF S. 67 f.) Einen schwedischen Bildhauer lernten wir auch kürzlich kennen der einen neuen Bronceguß mit schöner Patina erfunden hat, lange Jahre viel Schererei mit seinen Patenten hatte, sie jetzt aufgegeben hat u nur für sich arbeitet damit sein Verfahren ihm nicht gestohlen wird. Seine Frau bringt den Sachen mit Erde, Segen u Sonne die Patina bei. Herr Elmquist , so heißt der Bildhauer, gießt sehr schöne Vasen mit aufgelegten Ranken u Käfern in einem Stück, kann daher die Form auch nur einmal benutzen, ob er viel verdient weiß ich nicht. Seine Gips u Marmorfiguren sind sehr lebenswahr u schön denn das häßliche eines Modells läßt er weg. ebd. (PDF S. 69): Mit einer sehr netten russischen Gräfin sind wir viel zusammen, oft bei ihr u oft mit ihr bei anderen. Sie hat viel Geschmack u durch sie haben wir eine Reihe anderer Menschen kennen gelernt. Varlar, 24. Juli 1913 (PDF S. 71) Lieber Onkel werde Du mir nur nicht krank. Must Du Dich wegen Deinem Ofen so schrecklich abrackern. Das kann Dir doch nicht gut bekommen manche Tage fast nichts zu essen. Schwalenberg, 5. April 1914 (PDF S. 78 ff.) Über die Arbeit im Garten. Vorbereitung auf eine Aufführung des Parzival: Kennst Du den Parsifal? In Berlin gehst Du wohl nicht ins Theater bist von Deinen Geschäften wohl zu sehr in Anspruch genommen. In Florenz soll der Parsifal großen Anklang gefunden haben. Mich wundert daß die Italiener die schwere deutsche Musik verstehen u wiedergeben können auch daß es die Katoliken nicht stört, daß das Abendmahl auf die Bühne gebracht wird. Fürstenau bei Michelstadt, 19. Dezember 1915 (PDF S. 82 f.) Gestern ist hier sehr schöne Musik gemacht worden u. Frh. v. Wolzogen hat mit einem Leutnant Blum zusammen aus dem Stegreif die Schülerszene aus dem Faust ganz trefflich deklamiert. Wolzogen wird mir jetzt wohl ständig als Magister gegenwärtig bleiben; die feldgrüne Uniform paßte ganz gut dazu. Burg Schwalenberg, 4. Februar 1915 (PDF S. 84 ff.) Wir verfolgen mit großem Interesse wenn über Stickstofffragen etwas in der Zeitung steht möchten immer gern daraus sehen ob Du mit dem Krieg zu einem endgültigen Abschluß gekommen. Doch war bisher alles nur unbestimmt gehalten, Versprechungen um die Landleute zu beruhigen. Möchte wirklich wie Du in Deinem letzten Brief hoffst der Staat sich jetzt rasch entschließen Mittel flüssig zu machen, damit Deine Fabrik eingerichtet u in Betrieb gesetzt werden kann. Schwalenberg, 15. Mai 1915 (PDF S. 86 ff.) Was hat es uns gefreut aus Deinem letzten Brief zu hören, daß Du Dr. Schweitzer endlich frei bekommen hast, also mit Deiner Stickstoff-Angelegenheit einen guten Schritt weiter gekommen bist. Möchten die Herren jetzt einsehen wie wichtig Dein Angebot ist u Dir anstatt Hindernisse in den Weg zu legen die Wege ebnen. Mama läßt Dir sagen, sie hätte auf Deinen rief hin umgehend an General v. Rein geschrieben. Doch würde ihr Brief General v. R. wohl erst erreicht haben als Dr. Schweitzer bei Dir eintraf. Für Deinen lieben Brief vom letzten Monat herzlichen Dank. Du schreibst darin, daß die Menschen mehr u mehr auch auf die Forderungen kommen, die Du in Deiner Broschüre für den Friedensschluß zusammengestellt. Wenn genug eingesehen haben was uns Not tut, werden sie wohl auch die Wilhelmstr. dazu zwingen es auch einzusehen. Hast Du mal "Den deutschen Gedanken in der Welt" von Paul Nohrbach gelesen? Der war schon 1912 der Ansicht, daß Deutschland seiner Entwicklung nach zur Weltherrschaft bestimmt sein, u. daß wenn England ihm nicht gutmütig neben sich Platz gönnen werde, früher od später die deutschen u englischen Interessen aufeinanderplatzen müßten. Wir lesen jetzt die Artikel von Chamberlain, die Dele uns kürzlich schickte. Der stellt ja den Standpunkt auf, daß die deutsche Sprache allein zur Weltherrschaft u Weltsprache berechtigt wäre. Er hat ja recht, daß es die einzig reine germanische Sprache ist die weit verbreitet ist u in Literatur u Wissenschaft großes geleistet hat. Der Forderung die er stellt, stimme ich vollkommen bei, daß so weit die deutsche Grenze reicht nur Deutsch in den Kirchen gepredigt nur Deutsch in den Schulen gelehrt werden dürfe. Mögen doch in polnischen u elsässischen Gebieten u in allen die der Krieg uns neu dazu bringt die Kirchen u Schulsprache nur noch deutsch sein. Frau Elmqvist, von der wir Dir schon erzählt haben (ihr Mann hat ein neues Verfahren für Bronzeguß erfunden) ist jetzt in Berlin. Sie bat uns Dich doch zu fragen ob sie Dir die Bronzen ihres Mannes zeigen dürfe, sie schreibt, "es ist immer solch eine Freude die Bronzen sachverständigen Künstlern u Technikern zu eigen, die ja am besten die Schwierigkeiten, die zu überwinden waren verstehen." So wie ich aus ihrem Brief ersehe sind die Bronzen jetzt bei Schulte ausgestellt u Fr. Elmqvist schreibt vom Deutschen Lyceum Club Berlin W62 Lützowplatz 8 - Fernsp. Lützow 3335. Sollte sie da nicht zu finden sein so würde Hülsen Dir wohl ihre Adresse verschaffen können, denn Hülsen hat sie in Berlin gesehen. Was wird wohl mit Italien? Ist das eine Entscheidung gegen den Krieg die Demission des Ministeriums Salandra? Was bringen wohl die nächsten Tage? Schwalenberg, 24. Juni 1915 (PDF S. 88 ff.) Heute kommt mit dem Dank für Deinen lieben letzten Brief wohl eine für Dich erstaunliche Nachricht. Ich fahre nämlich morgen wieder zur Pflege. Elisabeth Salm Erbach hat mir in Darmstadt durch das rote Kreuz den Posten einer Ober- u Operationsschwester im Reservelazarett I vermittelt. [Wird nach wenigen Monaten - trotz Protestes beim Ministerium - wieder entlassen] Seit Deinem Brief an Dele haben wir Leopold noch nicht gesehen, ihm folglich über die Stickstoffangelegenheit nichts sagen können. Leopold wohnt so viel ich weiß gewöhnlich im Adlon. Schwalenberg, 3. November 1916 (PDF S. 108 ff.) Die Rede von Rösicke haben wie ausgezeichnet gefunden, wie geschickt er in alles doch eigentlich nicht zur Zensur gehörige hineingebracht hat. Was Helferich immer redet ist gräßlich schwach. Es freut uns immer wenn die Sozen dazwischen rufen, denn ihn boßt [sic] es an scheinend gründlich. Von der nächsten Reichstagsverhandlung ist eine 3stündige Rede eines Sozen in unserer Zeitung fortgelassen nur ohne Inhaltsangabe erwähnt. Ob das auch auf Wunsch der Zensur ist? Die Verhandlung neulich über Schutzhaft war ja auch nur gekürzt in unserer Zeitung, im Vorwärts war sie ungefähr 3 mal so lang. Etwas mehr scheinen die U Boote ja jetzt arbeten zu dürfen aber so energisch wie Ihr es verlangt habt, ist es doch immer noch nicht. [...] Dein Ofen wird glaube ich diese Woche auch fertig gemacht. [...] Seit Samstag ist Frl v. Unruh bei uns. Nächstens verlassen Unruhs Detmold. [...] Die Mißstimmung unter der Bevölkerung soll immer schlimmer werden, die vielen Forschriften [sic] bringen sie wohl bald zur Verzweifelung alles geht gegen sie statt es ihnen zu erleichtern Lebensmittel zu produzieren. [...] Probleme des freien Handels und der Kriegsgesellschaften: Wozu immer noch weiter die Juden mästen. Es wurmt sie doch arg, daß man nachzählen will wieviel Juden in den Kriegsgesellschaften sind, u die sind doch wahrlich nicht so wichtig wie "Reklamierte" in Schwerindustrie u Landwirtschaft. Mama meinte, man solle doch der Forderung der Juden nachgeben u auch zählen wieviel Kriegsfreiwillige sich gestellt, wären es wirklich viele, so würde man ihnen dadurch gerecht u wären es wenige so würde das Drückebergertum öffentlich gekennzeichnet. Unter all den gefundenen noch dienstfähigen, die man in den Städten sieht ist der größte Prozentsatz, ich schätze 3/4 Juden. Hier ärgern sich die Leute jetzt sehr über die Polen, ob mit Recht od Unrecht kann ich nicht beurteilen [folgt Beschreibung des Sachverhalts Erntearbeiter]. Schwalenberg, 11. Dezember 1916 (PDF S. 114 ff.) Mama glaubt Dir gratulieren zu können daß Du Schweitzer los würdest, sie hätte nie viel Vertrauen zu ihm gehabt u. wundere sich nur daß Du immer noch mit Hauf gingst. Onkel Fritz schickte uns Deinen Brief. Wir haben uns so für Dich gefreut daß die Stickstoffgewinnung jetzt auf andere Weise möglich ist. Schwalenberg, 30. Januar 1917 (PDF S. 122 ff.) Onkel Fritzens Brief gestern an Mama klang sehr hoffnungslos, als sähe er keine Möglichkeit mehr daß die Diplomatie zum Einlenken aus der gefährdenden Bahn gebracht werden könnte. Wenn Gerard beseitigt werden könnte wäre wohl Wilson nicht halb so gefährlich. Onkel Fritz schreibt, Kaiser Karl wäre kriegsmüde er hätte es im Hauptquartier ausgesprochen, wird das nicht ungünstig auf d. h einwirken? Und haben wir dann nicht Östreich als noch schwereren Klotz mit uns zu schleppen nur hindernd nicht fördernd? Schwalenberg, 7. Mai 1917 (PDF S. 124) Dank für eine Kommission für eine Bekannte: Es ist wirklich rührend von Dir, bei all Deiner vielen Arbeit Dich umgehend der Sache angenommen zu haben. Famos wie Du immer gleich die richtige Person, den richtigen Ausweg weißt, das macht Dir so leicht keiner nach. Schwalenberg, 4. März 1917 (PDF S. 138 ff.) Eben läuten die Glocken aus welchem Grunde weiß ich nicht, doch ist es ein wehmutvoller Klang, denn morgen tönen sie zum letzten mal, dann werden bis auf 1 alle abgegeen. War das nötig? Viel Poesie viel Feierlichkeit geht mit verloren, ja der Krieg zerstört viel u hängt es von den Sozen ab wird es nie wieder gut gemacht. [...] Du ließt doch auch die Alldeutschen Blätter. Mama hofft daß wenigstens durch Hoche[?] Finow mürbe gemacht wird ehe er Deutschlands Zukunft ganz zu Schanden gemacht. [...] Schwalenberg, 18. Mai 1917 (PDF S. 146 ff.) Besten Dank für die Zusendung der Drucksachen. Am meisten hat uns Sage mir mit wem Du umgehst ... interessiert. Eine solche Sprache in Briefen hätten wir garnicht für möglich gehalten. Auch finde ich es ganz schmachvoll für die W[ilhelms] str. daß sie an der Adlonfeier teilnahm nach solchen Mitteilungen, das wirft wirklich kein gutes Licht auf sie. Man fragt sich we ist es möglich, daß solche Männer noch die Interessen Deutschlands vertreten dürfen, daß sie sie nicht vertreten ist ja klar. Bayerhof, 22. Februar 1917 (PDF S. 148 ff.) ... entgegen des Lügenfilms der Engländer ... Schwalenberg, 27. Februar 1917 (PDF S. 152 ff.) Heute bekam ich einen Brief von Elisabeth Erbach in dem sie mir sehr entzückt über Deine Schrift über Holzverfütterung schrieb. [...] Elisabeth schrieb mir auch vom Tod des Eberhard Erbach der bei einem Eisenbahnunglück in Kronstadt ums Leben kam. Für die Erbachs ist es sehr traurig denn er war der einzig Gescheute von der Linie Erbach-Erbach. Schwalenberg, 25. September 1917 (PDF S. 154 ff.) Einen ganz absonderlichen Brief schicke ich Dir heute, verzeih wenn ich Dich damit belästige, doch da ich gebeten wurde Dich darum zu fragen, muß ich es wohl tun. Zunächst: Frau Witterstätter ist die Dame von der ich neulich bei Tisch sprach, deren Mann Flieger ist u zu Oppels sollte anscheinend aber noch militärisch in Berlin ist. Fr. Witterstätter ist eine geb. Sixt von Arnim, ihr Onkel hat die V. Armee, ihr Vater war durch eine Rückratverletzung seit 66 Invalide si daß er lange Jahre in Berlin am Invalidenhaus wohnte. Wie ich in Darmstadt war kam Fr. Witterstätter in mein Lazarett als Helferin, erst zum lernen u. blieb dann länger. In allem zeigte sich Fr. W. als einsichtig u äußerst tüchtig. Nicht auf den Mund gefallen, hat sie selbst gegen den General Oberarzt manches für ihre Verwundeten durchgekämpft. Ihr eigentliches Ziel war von Kriegsbeginn gewesen Dolmetscher zu werden (Englisch u. Französisch beherrscht sie vollkommen, sie war als junges Mädchen 1/2 od 1 Jahr in New York Reporter gewesen). [...] Beherzt ist sie, sie hat im Frieden alle Flüge mit ihrem Mann gemacht, dann ist sie sehr zäh ein kleines Persönchen, das sich aber durch nichts unterkriegen läßt u dann ist sie sehr treu, sparsam Verstand u offenes Auge. [...] Eine Frau wie sie, die sich so gar nicht verblüffen läßt habe ich noch nicht gesehen. Auch hat sie einen unverwüstlichen Humor. Schwalenberg, 5. November 1918 (PDF S. 158 ff.) Tief bedauert habe ich Dich vor einer Woche nicht mehr in Berlin haben [sic] sprechen zu können. Deine Geschäfte haben Dich wohl länger fern gehalten als Du erst beabsichtigt, während der Zeit ist in Berlin alles überstürzt worden um Wilson zu Willen zu sein. Frau Lieber war, wie sie mir am Telefon sagte, sehr zufrieden, daß Du noch nicht zurückgekehrt da ihr Mädchen an Grippe lag. Es hat mir wirklich leid getan Berlin zu verlassen ohne Dir noch mal für Deine liebe Fürsorge für mich zu danken. Dann hätte ich gern Deine politischen Ansichten u Aussichten für die Zukunft bei all dem Wandel erfahren u außerdem hätte ich noch einen Auftrag von Tante Gretchen Pfuhlstein auszurichten. Sie läßt Dir sagen, wenn Du krank wärest, wenn Du Dich mal ausruhen wolltest, wenn Du mal für kurze Zeit von Berlin fern bleiben wolltest, stände Dir ein Zimmer bei ihr jederzeit zur Verfügung. Wissen wollte Tante Gretchen warum die Vaterlandspartei jetzt nicht energisch hervortrete, ob sie schon ein Programm zur nationalen Verteidigung bereit hätte? Auch sagte Tante Du u Onkel Fritz ihr müßtet jetzt mehr hervortreten, Reden halten, werben Euch bekannt machen, die wirklich deutschen Männer wären ja unbekannt. Mir sagte sie ja auch sie fände es nicht recht von mir daß ich jetzt schrubte und putzte ich solle in die Fabriken gehen u die Leute aufklären. Erstens habe ich nicht die Redegabe u dann würden die Leute auch nicht auf mich hören. Tante Gretchen erklärte, daß wenn es zur nationalen Verteidigung käme sie auch noch ihren Mann stellen könnte. Ob das wohl noch möglich sein wird? Seit ich sie verließ liegt sie zu Bett, wie mir heute Ex. v. Pfuhlstein schreibt. Sie sah zum Erschrecken aus, als ich dort war, eine armselige abgearbeitete Frau, die sich nicht mehr grade halten konnte mit grauer fleckliger Gesichtsfarbe. Nur wenn sie sich mal für kurze Zeit in den Lehnstuhl setzte sah man daß sie mal hübsch gewesen. Arme tapfere Frau. An Fingerspitzen u Füßen hatte sie Geschwüre harte empfindliche Stellen, auch die Knie schmerzten u trotzdem machte sie fast alle Arbeit im Hause allein u wollte sich nicht von mir helfen lassen. Mieze sollte sich bei Freunden etwas ausruhen. [...] Fritz ist jetzt zu Hause wegen der Grippe im Korps u Mietze ist telegrapisch zurückgerufen worden. Ob Tante zu viel getan als ich bei ihr war? od ob sie sich erkältet als ich hinkam, denn meinetwegen wurde im Wohnzimmer erst geheizt, od ob die Aufregung durch die politische Lage ihr geschadet? Schwalenberg, 7. November 1918 (PDF S. 162 ff.) Was ich Dir in meinem letzten Brief eigentlich schreiben wollte u über dem verschiedenen, was ich Dir zu erzählen hatte, vergaß, war wie wenig Liebe u Achtung für die kaiserl. Prinzen in unserem Volk jetzt ist. Erinnerst Du Dich wie wir über den Kroprinzen sprachen, da meintest Du, nur feingebildete Frauen nähmen Anstoß am leichtsinnigen Lebenswandel des Kronprinzen dem Volke mache das nichts aus. Dem ist aber nicht so, daß Volk will eben doch Achtung vor seinen Fürsten haben können. Als ich neulich von Berlin zurückfuhr hörte ich Soldaten über eine nat. Kronentsagung des Kaisers sprechen, der Anfang entging mir doch als sie darüber sprachen wer an seine Stelle treten sollte da hieß es: "Der Kronprinz mit seiner Maiträssenwirtschaft ist doch noch viel verhaßter". Als sie sich die Prinzen überlegten schien denen der einzige dem sie Vertrauen schenkten der Prinz Friedrich Karl. Heute sprach ich mit Frl Zeis über die politische Lage, da meinte sie, das traurigste wäre jetzt wie schlecht sich die preuß. Prinzen benähmen vor denen hätte an der Front ja keiner mehr Achtung; besonders der Kronprinz triebe es doch gar zu arg, wo er noch dazu eine so brave Frau u nette Kinder hätte. Auch die anderen Prinzen die es sich gut sein ließen u Tango tanzten reizten nur den Neid der einfachen Soldaten. Gerade jetzt wäre es doch die Pflicht der Prinzen sich vorbildlich zu benehmen. Ihr, Frl. Zeis, würde es immer schlecht wenn sie Geschichten über die Prinzen hörte. Wenn ich auch sonst Frl Zeis nicht für maßgebend ansehe, so glaube ich ihr doch in dieser Hinsicht alles. Man hat den Prinzen in ihrer Jugend keine Freiheit gelassen, ihnen keine Verantwortung auferlegt, jetzt wissen sie die Ungebundenheit nicht zu gebrauchen haben in sich keinen Halt. Es freut mich, daß man endlich Joffe u seine Genossen an die Luft gesetzt höchste Zeit war es. Der Aufruf des Minister an das Volk war kläglich u über die Zukunft völlig irreführend. Wie wollen sie bei einem schnellen Friedensschluß noch die Geldmittel haben für Arbeitslose u sonstige Unterstützungsbedürftige zu soregen. Wie soll bei einem Frieden nach den Wilsonschen Punkten u französischen Rachegelüsten noch Geld für Industrie u ein sorgenloses Leben mit glänzenden Lebensbedingungen u reichliche Nahrung vorhanden sein. Wie sündhaft das Volk so irre zu führen. Schwalenberg, 14. Juli 1918 (PDF S. 172 ff.) Die Schrift die ich Dir hier schicke, wird Dich vielleicht interessieren. Es ist Fr Witterstätters Manuskript über ihre Reise nach Frankreich. Wenn Du mal nachts nicht schlafen kannst kürzt es Dir vielleicht die Zeit. Weil Du Dich schon für Fr Witterstätter bemüht hast glaubte ich es würde Dir vielleicht Spaß machen, mal hinein zu sehen. Meiner Asicht nach ist es ganz spannend geschrieben, hat nur einige Längen. Freilich zur Veröffentlichung müßte einiges gestrichen werden, z. B. das über unseren Kaiser, wenn es ja auch leider Wahrheit ist, od gerade deswegen. Das Buch soll nun erst nach Friedensschluß erscheinen. Der Verleger traut sich nicht es der Zensur vorzulegen. Freilich bin ich der Ansicht von Fr Witterstätter, daß das Buch dann wohl wenig Interesse mehr finden wird. Ihre Vorträge hat Fr Witterstätter bis zum Herbst verschoben: Erst wartet Fr. Witterstätter lange auf die Antwort der Censur in Regensburg, dann bekam ihr Mann einen 14 tg Urlaub, den er mit Frau u Kind in Darmstadt verleben wollte, ehe er als Kampfflieger an die Front ging u dann würde Fr. W. abgehalten noch Vorträge zu halten, es wäre ja spät im Jahr u es würden zu wenig Menschen noch Lust für Vorträge haben. [...] Leopold war jetzt 4 Wochen in Schieder. Einmal habe ich ihn in Schieder gesehen u gestern hier. Mittwoch fährt er nach Götschendorf. Er hat anscheinend seine Ansichten über die Wilhelmstr. etwas geändert, denn er äußerte sich: "ich weiß nicht wo das in Berlin noch hinaus will." Sonst hat er sich politisch nicht geäußert, es hat auch wenig Zweck ihn darauf zu bringen. Was will man mit einem Schlafenden, der sich einbildet maßgebend u wichtig zu sein. Zwischendurch war er für 2 Tg in Wien bei Kaiser Karl. Es hat ihm sehr gut gefallen, er hat mit Erfolg jagen können u das Kaiserpaar war zu seinem Erstaunen sehr liebenswürdig gegen ihn daß ein Herrscher gegen solche die weniger wie er sind liebenswürdig u zuvorkommend sein kann, kommt ihm anscheinend sonderbar vor. Schwalenberg, 25. Juli 1918 (PDF S. 184 ff.) Lieber Onkel, schade daß Du keine Macht hast da gründlich Ordnung zu schaffen ich meine im A. A. der Wilhelmstr. u dem Reichstag. Wenn wir, wie kürzlich einer vorschlug, die Deutsche Zeitung brachte es auch, einen Propagandaminister hätten, würde wohl bald die Stimmung im Land u an der Front anders werden. Schwalenberg, 3. Mai 1918 (PDF S. 190 ff.) Traurig die Ereignisse im Preußentag der Nationalliberalen u im Abgeordnetenhaus, das kommt aber, wenn man Parteimänner zu Ministern macht u ihnen gestattet, ihre Partei, nicht die Interessen des Landes für das sie Miniser sind, weiter zu vertreten. Schwalenberg, 31. Januar 1919 () Fr. Witterstätter wirbt aufklärend für die deutsch nationale Partei durch Vorträge u Artikel u wollte gern wissen, ob schon Strömungen in Berlin wären die auf eine bessere Regierung als die jetzige hinarbeiteten, damit sie mit Persönlichkeiten von der Richtung Fühlung nehmen könne, um eine einheitliche Arbeit zu Wege zu bringen. Schwalenberg, 28. März 1921 (PDF S. 211 ff.) Über die Kandidatur des Prinzen Ratibor für die Deutschnationalen in Westfalen. Villa Sirene Burg auf Rügen, 21.August 1919 (2/893) Gestern waren wir bei Marzel Salzer , der hier eine Villa hat. Bei ihm hatte Stresemann gewohnt. Marzel Salzer erzählte als bestimmt (ich kann es aber nicht glauben sehe es nur als Wünsche Stresemanns an) daß die 3 Kronen im Osten schon verteilt wären, Litauen an Urach, Finnland an Adolf Friedrich, Polen an einen Erzherzog. Sollte Deutschland dafür geblutet haen, damit es sich nun wieder Feinde im Osten schafft?! Diese Höfe wären doch bald nur pollnisch. Ich kann es nicht glauben, das sind doch wohl nur die Pläne Erzbergers, möchten sie ihm gründlich versagen. Von Politik hier mit jemand zu reden hat wenig Zweck. Julius ist anscheinend der Ansicht daß ich noch zu jung um etwas davon zu verstehen, jedenfalls sagte er als ich ihn wegen einer Broschüre frug die er las "das ist nichts für dich, das ist von Chamberlain["]. Seine Ansichten sind echte Diplomatenansichten, die schwanken wohl auch wenn im A. A. gründlich Änderung geschaffen. Er redet zum Glück wenig darüber, doch wenn er was sagt, macht es mich ganz elend zu hören, wie so gar kein Mumm in den Deutschen ist. Da noch nicht endgültig gesiegt worden ist, dürfen keine Forderungen aufgestellt werden u dann bammeln sie vor Angst es könnte im Osten wieder losgehen. Sie nennen sich Optimisten. Sind aber blind wollen nicht sehen od können nicht sehen was ihre schlappe Haltung zu Wege bringen wird. Rot an der Rot, Württemberg, 17. Oktober 1922 (2/900) Beschreibung der Hochzeitsfeierlichkeiten in Erbach. Fürstenau, 7. Dezember 1923 (PDF S. 241 ff..) Über Scheidungsklage. An ihre Mutter, Fürstenau, 15. März 1923 (PDF S. 247 ff.) Ein ganz ausgezeichneter Geistlicher der Landeskirche aus Erbach hat mich über den christlichen Standpunkt beraten. Nicht daß er in irgend welcher Richtung einen Einfluß auf mich ausüben will, nein er hat mir nur klar vor Augen geführt, wie tief u gründlich ich mich prüfen muß, ob es mir möglich ist nach allem was vorgefallen u danach wie ich Konrad jetzt kennen gelernt, noch freudig u dankbar diese Ehe noch einmal auf mich zu nehmen. Leider neigt sich die Wage immer mehr zu Konrads Ungunsten selbst wenn Konrad noch wollte, was nach den Erklärungen die er nach anderer Seite abgegeben einstweilen nicht der Fall ist. Er hat gesagt, er hätte es seiner Mutter versprochen, daß ich nicht zurückkäme / u. daß er das 4. Gebot nicht brechen könnte. Als ihm darauf gesagt wurde es heißt auch Du sollst Vater u Mutter verlassen u dem Weibe anhangen, hat er keine Antwort gegeben. / [...] Einstweilen sitzen sie alle in Eulbach, weil niemand sie mehr in Erbach grüßt u meine Schwiegermutter Angst hat, daß man ihr die Fenster einwirft, denn alle Welt erkennt sie als Wurzel alles Übels. Bei der öffentlichen Graf Franz Feier hat niemand der Erbach. E. Familie mittun dürfen, nur hinter dunklen Fenstern haben sie zugesehen. [...] Auf Bitten der Verwandten, auch weil ich die letzte Zeit nicht reisen konnte bin ich hier geblieben. Es soll nämlich meiner Schwiegermutter sehr unangenehm sein, daß ich noch hier bin. Sie hat an ihre Verwandten über mich geschrieben u ihre Geschwister sind so empört, daß sie nichts mehr von ihr wissen wollen. Schwalenberg, 31. August 1925 (PDF S. 272 ff.) Konrad ist scheints wenn auch nicht gerichtlich, so doch den Tatsachen nach entmündigt, denn Ria schreibt aus Fürstenau, daß er nichts mehr zu sagen hätte. Anhang: Aus Ordner Briefe an Karl Löwenstein Büdingen, 19. Mai 1924 Sonntag um 3 Uhr kam Graf von der Golz von Frankfurt her, wo er im Schuhmann Zirkus, od Zirkus Busch, bei der Versammlung für die Pfalz auch hatte sprechen müssen. Er sprach hier ganz hervorragend. Erwußte die alten Krieger so richtig zu packen, indem er schilderte, was die deutsche Armee gewesen u wie ihr Geist gewesen, was uns krank gemacht u wie allein durch Einigkeit u Wahrhaftigkeit nur wieder eine Gesundung möglich ist. Der Vortrag hat allenthalben so viel man hört großen Anklang gefunden, das hätte es hier noch nicht gegeben einen Vortrag der so von Herzen kam u zu Herzen ging. Eigentlich hatten die Zuhörer Graf Gol eine Ovation beim Verlassen des Saales bringen wollen es dauerte ihm dann aber zu lange bis wir heraus kamen, da Grad Golz sich bereit fand in 10 Exemplaren seines Buches über Finnland u Baltikum (die der Buchhändler Eberling ihm zu dem Zweck vorlegte) seinen Namen samt einem Spruch zu schreiben. Eberling wird die Bücher wohl dadurch besser verkaufen. Nach dem Vortrag gingen wir noch um das Schloß u durch den Rosengarten, um Graf Golz einen kleinen Begriff von Büdingen zu geben. Dabei passierte das niedliche, daß wir uns wegen des Steinernen Hauses nicht ganz verstanden. Auf seine Frage nach dem letzten Gebäude am Wall stellten wir alle ihm dasselbe als das "Steinerne Haus" vor, so gewohnt diese Bezeichnung nur als Eigenname des Hauses anzusehen; erst sein verdutztes Gesicht u die Bemerkung, die anderen Häuser wären doch wohl auch aus Stein, machte uns sein Mißverständnis klar. Am Abend fuhr fer Graf nach Berlin zurück, wo er wie er sagt "leider" wohnt. Schwalenberg, 24. Januar 1919 Anbei sende ich Dir mal wieder Briefe von Frau Witterstätter, von der Du ja weißt da Du Dich für sie bemühst, deswegen erkundigt sie sich ja wohl ob Du in der Sache Rat u Auskunft erteilen kannst. Es schien mir klarer die Briefe direkt zu schicken als erst darüber zu schreiben, denn mehr weiß ich auch nicht. Die Artikel lege ich auch bei damit Du siehst in welcher Weise sie Propaganda macht. Wie bist Du mit dem Ergebnis der Wahlen zufrieden. Hier im Ort fielen von den 500 Stimmen 239 auf die Soz. 105 auf Dem. 34 auf Zentr. 60 auf Deutschnational. Alle heimgekehrten Soldaten hätten soz. gewählt u alle kl. Leute die mit irgend etwas nicht zufrieden waren, daß sie nicht so viel Schweine wie früher hatten können od dergl. Sogar größere Bauern haben für die Partei gewählt; das soll aber z. T. auch damit zusammengehangen haben, daß nur wenige wüßten was sie sich unter Wahlvorschlag N. 4 (Deutschnational) od sonst einer Nummer zu denken hatten. Wir hier erfuhren die Nummer des Wahlvorschlags sowie die Kandidaten erst am Samstag. Alle anderen Parteien waren reger gewesen. Nächsten Sonntag für den Landtag darf man nach Parteien wählen, nicht Wahlvorschlag. Das Gesamtergebnis für Lippe war: 27000 Soz. 14000 Dem. 12000 Deutschnat. 1300 Deutsche Partei 726 Zentr. u 295 Unabhängige. Für den ganzen Wahlkreis waren ja das westfälische Zentr. ausschlaggebend. Die haben 6 Sitze die Soz. 4 die Deutschnational, Deutsche Partei u Demokr jeweils 1 Sitz. Für die Deutschnationalen ist also gewählt Generalsekretär Wilhelm Walbaum Berlin Friedenau. Den kennst Du doch? Doyßig, 2. Septemer 1922 Du sollst zu den ersten gehören, die es erfahren, daß ich mich mit Konrad Erbach Erbach verlobt habe. Du hast vielleicht von ihm als einem komischen Menschen gehört, Adelbert Erbach machte sich gern über ihn lustig, aber erstens sind alle Erbachs etwas original, dann hat sich Konrad spät entwickelt, u dann ist es wirklich nur äußerlich. Er ist ein tief religiöser herzensguter Mensch. In Süddeutschland soll er der erste Sachverständige für Pferde sein. Bei allem was vorkommt kann Konrad mitsprechen. Zuerst habe ich ihn bei der Hochzeit von Amsel u Adolf Brautfeier gesehen u war jetzt 8 Tg hier um ihn kennen zu lernen. Sei mir nicht böse, daß ich Dir früher noch nichts geschrieben, aber ich war mir selbst noch nicht klar ob ich Konrad heiraten wollte, habe ihn aber hier sehr schätzen u achten gelernt. Liebster Onkel Karl, ich weiß, daß Du mich sehr gern hast, da wirst Du Dich mit mir freuen, daß ich nun auch einen Gatten gefunden, der mich von Herzen liebt u mir ein schönes Heim u einen schönen Pflichtenkreis anbieten kann. [...] Ich denke die Hochzeit wird bald sein. Ob in Schwalenberg od Erbach muß Mama entscheiden, ich glaube aber nur, daß es in Schwalenberg sich unter den jetzigen Verhältnissen nicht machen läßt. Wo sie aber auch stattfinden wird rechnen wir sehr auf Dich . Büdingen, 5. April 1923 Seit gestern Abend bin ich hier, nachdem ich etwas über einer Woche sehr viel Liebe in Fürstenau genossen. Sie waren alle sehr lieb gegen mich u sehr bemüht mir mit Rat u Tat beizustehen. Die ganze Erbacher Bevölkerung war ja auf meiner Seite u ihr Verhalten u mein Aufenthalt in Fürstenau haben Konrad erst nach Erbach u seit 14 Tg sogar bis Rot getrieben. Seine Mutter ist mit. Sie gillt [sic] allgemein als die Anstifterin u da sie fürchtete, daß ihr mit Steinen die Fenster eingeworfen würden, hat sie sich seit 4 Wochen nicht mehr in Erbach aufgehalten. Niemand grüßte sie mehr u einige spuckten sogar vor ihr aus. Nun spuckt sie Gift u Galle u schreibt das Unglaublichste über mich an ihre Verwandten, die ihr aber nichts glauben u nichts mehr von ihr wissen wollen. Auch ihre bisherigen Freunde wie die Tante Elischen Solms Braunfels geb. Reuß wenden sich von ihr ab. Eine neue Äußerung ist, daß sie sich darüber empört, sie hätte nicht bei zeiten gewußt, daß ich nach Fürstenau ginge, als könne sie über mein Verbleiben bestimmen. Auch verbreitet sie, Adelbert hätte die Erbacher Bevölkerung aufgewiegelt, weil einige von den Erbacher Bürgern Adelbert um Rat gefragt wie sie sich zu verhalten hätten. Adelbert hat ihnen dann gesagt er könne u wolle ihnen nichts vorschreiben, das müßten sie mit ihrem eignen Gewissen abmachen, aber so u so lägen die Sachen. Der Stadtpfarrer hat ja auch aus eignem Antrieb das Kirchengebet für Konrad weggelassen. Ein anderer Geistlicher hat mir wissen lassen in jeder Hütte hätte ich Aufnahme gefunden. Das Gedicht, das die Erbacher gemacht u Konrad in die Hand gespielt habe ich leider nicht bei der Hand, es ist beim Rechtsanwalt ich schreibe es Dir aber mal ab. Am 2. Mai ist Termin am Landgericht in Darmstadt. Weißt Du die Sache entbehrt nicht der Komik. Man möchte einen guten Karikaturzeichner bei der Hand haben u alles zu illustrieren. Wie sie z. B. hinter Vorhängen im verdunkelten Zimmer der Graf Franz Feier beiwohnten, damit keine Steine geworfen würden, wie die Bürger Konrad ein Ultimatum stellten, dann Adelbert als Volksverführer! Wie kann eine Mutter so vom Machthunger besessen sein, daß sie deswegen den ältren Sohn zu Gunsten des jüngeren zu Grunde richtet!! Es ist mir unfaßlich. Daß Konrad so geworden ist allein ihre Schuld, es steckt viel Gutes in ihm u er ist eigentlich sehr gutmütig. Fürstenau, 29. Juni 1925 Liebster Onkel könntest Du mir wohl noch 2-3 Exemplare von der Schrift über den Bolschewismus verschaffen? Du weißt die, welche Du mir mitgabst mit dem Stern u dem Totenkopf, ich habe leider Titel u Verfasser vergessen. Ich gab Mama die Schrift, ich glaube sie nahm sie auf die Reise mit. Ich sprach nun unterwegs mit verschiedenen Menschen darüber u möchte sie denen zu lesen geben. Ich finde sie faßt klarer u kürzer die Judenfrage zusammen als das Ford'sche Buch, was ja riesig interessant ist aber nicht für jemand ist, der wenig Zeit zum lesen hat. [...] Denke Dir hier fürchten Elisabeths Schwägerinnen, Alfred könne sich mit Frl. v. Maltitz verloben, Du weißt die Tochter von dem Herren, bei dem Alfred die kurmärkischen Gesellschaften mitmacht. Nun haben die Cousinen hier gehört, die Mutter u Großmutter des jungen Mädchens seien Jüdinnen u sind natürlich entsetzt. Elisabeth hat nichts darüber gesprochen. Darmstadt, 25. Jui 1925 Für die Zusendung der beiden Broschüren herzliche Dank, ich habe sie gleich weiter gegeben zum Lesen. Im Buch von Stegemann bin ich ein gut Stück weiter gekommen, sehr viel auf einmal kann ich nicht darin lesen. Ich habe mich natürlich jedesmal geärgert wenn wieder so deutlich gezeigt würde wie konsequent die Franzosen ihre Scheinpolitik durchgeführt. Wie Systematisch sie damals verwüstet ahnte ich nicht. Natürlich haben mich auch die gräßlichen Habsburger geärgert, die immer nur Hauspolitik u nie deutsche Politik getrieben, u. dann diese vielen kleinen Fürsten, vor allem die geistlichen, die wegen persönlicher Forteile [sic] sich an Frankreich anschlossen. Es ist eine Schmach. Auch wie England anfing auf Kosten der anderen zu politisieren u seine Seemacht zu befestigen war mir nie so klar gewesen. Ich bin jetzt bis zur großen Revolution gediehen.Briefverzeichnis und Briefe Olga zur Lippe an Karl zu Löwenstein